
Dekompressionskrankheit und Barotrauma: Was jeder Taucher wissen muss
In meinen über 40 Jahren als Tauchlehrer im Roten Meer habe ich unzählige Sonnenaufgänge über dem Sinai erlebt und Tausende von Tauchern zum Blue Hole begleitet. Doch die wichtigste Lektion, die mich das Meer gelehrt hat, ist nicht die Schönheit der Riffe, sondern der Respekt vor seiner Kraft und den Gesetzen der Physik.
Die Dekompressionskrankheit, oft auch Taucherkrankheit genannt, ist ein Thema, über das niemand gerne spricht. Aber aus Erfahrung weiß ich: Wissen und Ruhe sind die beste Versicherung, die Sie haben können. Als Rescue-Instructor habe ich leider einige Fälle von Dekompressionskrankheit aus nächster Nähe miterlebt. Jeder einzelne Fall hat mir wieder vor Augen geführt, wie entscheidend es ist, die Zeichen richtig zu deuten und ohne Zögern zu handeln. Deshalb möchte ich mein Wissen hier mit Ihnen teilen – nicht um Angst zu schüren, sondern um Ihnen die Sicherheit zu geben, die aus Vorbereitung entsteht.
Was ist die Dekompressionskrankheit? Einfach erklärt
Stellen Sie sich eine Flasche Sprudelwasser vor. Unter Druck ist das Gas im Wasser gelöst und unsichtbar. Wenn Sie die Flasche langsam öffnen, entweicht der Druck kontrolliert und das Gas perlt sanft heraus. Schütteln Sie sie aber und reißen sie schnell auf, schäumt alles über.
Ihr Körper verhält sich beim Tauchen ganz ähnlich. Unter Wasser atmen Sie Luft unter erhöhtem Druck. Dabei löst sich Stickstoff in Ihrem Blut und Gewebe. Solange Sie langsam und kontrolliert auftauchen, hat Ihr Körper genug Zeit, diesen Stickstoff über die Lunge wieder abzuatmen – das Gas perlt sanft aus.
Ein zu schneller Aufstieg oder die Missachtung der Nullzeiten ist wie das schnelle Aufreißen der Flasche: Der Stickstoff bildet Bläschen in Ihrem Körper, die Gewebe schädigen und Blutgefäße blockieren können. Das ist die Dekompressionskrankheit (DCS).
Die Zeichen des Körpers: So erkennen Sie DCS-Symptome rechtzeitig
Die Tücke der DCS ist, dass sie sich oft anschleicht. Die meisten Symptome treten nicht sofort nach dem Tauchgang auf, sondern entwickeln sich innerhalb von sechs bis 24 Stunden. Seien Sie in dieser Zeit besonders aufmerksam.
Ich erinnere mich an einen Gast, einen erfahrenen Taucher, der nach zwei wunderschönen Tauchgängen am Jackson Reef über extreme Müdigkeit klagte. Er wollte es als Erschöpfung abtun, aber wir nahmen es ernst. Diese Entscheidung war goldrichtig, denn es war das erste Anzeichen einer beginnenden DCS.
Achten Sie auf folgende Symptome:
Milde Symptome (DCS Typ I):
- Ungewöhnliche, starke Müdigkeit oder Erschöpfung
- Juckreiz oder Hautausschläge („Taucherflöhe“)
- Schmerzen in Gelenken oder Muskeln, oft als dumpfer, tiefer Schmerz beschrieben (häufig in Schultern, Ellbogen, Knien)
Schwere Symptome (DCS Typ II):
- Kribbeln, Taubheitsgefühle oder Lähmungserscheinungen
- Schwindel, Gleichgewichtsstörungen oder Tinnitus
- Atemnot oder Schmerzen in der Brust
- Verwirrtheit, Sehstörungen oder Bewusstseinsverlust
Jedes dieser Symptome nach einem Tauchgang ist ein Grund, sofort professionelle Hilfe zu suchen. Zögern Sie niemals.
Ernstfall an Bord: Mein Ablauf bei einem DCS-Verdacht
Stellen wir uns ein konkretes Szenario vor: Vier Stunden nach dem letzten Tauchgang kommt ein Gast zu mir und sagt: „Mimo, mein linkes Bein fühlt sich komisch an, es kribbelt so.“ In diesem Moment startet bei mir ein klares, über Jahrzehnte erprobtes Protokoll. Panik hat hier keinen Platz, nur konzentriertes Handeln.
Mein Ablauf ist immer derselbe:
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Ruhe bewahren und ausstrahlen: Das Wichtigste ist, den Betroffenen zu beruhigen. Ich setze mich zu ihm, spreche ruhig und signalisiere, dass die Situation unter Kontrolle ist.
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Sofortige Sauerstoffgabe: Ohne Verzögerung erhält der Gast 100 % reinen Sauerstoff über eine Maske mit einem hohen Durchfluss von etwa 15 Litern pro Minute. Dies ist die absolut wichtigste Erstmaßnahme.
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Lagerung des Betroffenen: Der Gast wird flach auf den Rücken gelegt. Das hilft, den Blutkreislauf zu stabilisieren und zu verhindern, dass mögliche Bläschen ins Gehirn wandern.
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Notruf absetzen: Gleichzeitig setze ich über Funk den Notruf ab. Ich melde klar einen „Tauchunfall mit Verdacht auf DCS“, gebe unsere Position durch und kündige unsere Ankunft an, damit der Krankenwagen bereitsteht.
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Flüssigkeit und Schutz: Ich sorge dafür, dass der Gast (falls bei vollem Bewusstsein) Wasser trinkt, um einer Dehydrierung entgegenzuwirken. Aspirin oder andere Medikamente gebe ich nicht. Ich schütze ihn vor Sonne oder Kälte.
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Dokumentation: Ich notiere alle Details: Tauchprofile, Symptome, den genauen Zeitpunkt des Auftretens und alle durchgeführten Maßnahmen. Diese Informationen sind für die Ärzte in der Druckkammer von unschätzbarem Wert.
Die wichtigste Regel: Es gibt kein „Abwarten“. Bei jedem Verdacht auf DCS wird dieses Protokoll gestartet. Lieber zehnmal umsonst Sauerstoff geben als einmal zu zögern.
Plötzlicher Ohrenschmerz? Das müssen Sie über Barotrauma wissen
Viele Tauchanfänger verwechseln Ohrenschmerzen mit DCS. Hier gibt es einen wichtigen Unterschied, den man sich leicht merken kann: Ein Barotrauma schreit sofort, DCS schleicht sich oft später an.
Ein Barotrauma ist eine Druckverletzung, die in luftgefüllten Hohlräumen wie dem Mittelohr oder den Nasennebenhöhlen entsteht. Es passiert während des Abtauchens, wenn der Druckausgleich nicht gelingt, oder während des Aufstiegs. Der Schmerz ist meist stechend und sofort da.
Es ist unangenehm und kann zu einem Trommelfellriss führen, ist aber in der Regel ein lokales Problem und kein systemischer Notfall wie die DCS. Dennoch sollte auch ein Barotrauma ärztlich abgeklärt werden, um Infektionen zu vermeiden.
Prävention ist alles: Meine 5 Regeln, um der Druckkammer fernzubleiben
Die beste Behandlung für DCS ist, sie gar nicht erst zu bekommen. In meiner langen Zeit auf dem Meer habe ich ein paar einfache Regeln verinnerlicht, die das Risiko erheblich senken. Risikofaktoren wie Übergewicht, höheres Alter, Dehydrierung oder schlechte körperliche Fitness erhöhen die Anfälligkeit, weshalb ein konservativer Tauchstil umso wichtiger wird.
Mimos 5 goldene Regeln:
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Trinken, trinken, trinken: Dehydrierung verdickt das Blut und erschwert den Gastransport. Trinken Sie vor und nach jedem Tauchgang reichlich Wasser, niemals Alkohol.
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Tauchen Sie konservativ: Halten Sie sich an die Grenzen Ihres Tauchcomputers, vermeiden Sie Jojo-Tauchgänge und planen Sie Ihre Tauchgänge deutlich innerhalb der Nullzeitgrenzen.
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Langsam auftauchen: Der wichtigste Teil des Tauchgangs sind die letzten 10 Meter. Halten Sie Ihre Aufstiegsgeschwindigkeit ein und machen Sie immer einen Sicherheitsstopp.
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24 Stunden Flugverbot: Halten Sie sich strikt an die Regel, nach dem letzten Tauchgang mindestens 24 Stunden nicht zu fliegen. Der niedrigere Druck in der Flugzeugkabine kann sonst eine DCS auslösen.
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Hören Sie auf Ihren Körper: Gehen Sie niemals krank oder übermüdet tauchen. Eine Erkältung kann den Druckausgleich unmöglich machen und ein Barotrauma provozieren.
Behandlung in Sharm El-Sheikh: Was in der Dekokammer wirklich passiert
Sollte es trotz aller Vorsicht zu einem DCS-Verdacht kommen, sind Sie in Sharm el-Sheikh bestens versorgt. Wir haben hier zwei Dekompressionskammern, auch Druckkammern genannt, mit erfahrenen Tauchmedizinern.
Die Behandlung dort ist im Grunde ein „Tauchgang an Land“. Sie werden in der Kammer unter kontrollierten Bedingungen wieder einem erhöhten Druck ausgesetzt, wodurch sich die gefährlichen Stickstoffbläschen wieder im Blut lösen. Anschließend wird der Druck sehr langsam gesenkt, während Sie reinen Sauerstoff atmen. Auf diese Weise kann Ihr Körper den Stickstoff sicher abatmen.
Ich habe einen Taucher begleitet, der nach einer erfolgreichen Behandlung aus der Kammer kam. Er war unendlich erleichtert. Die Symptome waren vollständig verschwunden. Nach einer solchen Behandlung gilt ein striktes Flugverbot von mindestens 72 Stunden und eine Tauchpause, die der Arzt festlegt. Es ist ein ernsthafter, aber in den allermeisten Fällen sehr erfolgreicher Prozess.
Ein Appell aus Respekt vor dem Meer
Tauchen ist eine der schönsten Arten, unsere Welt zu erleben. Es ist ein Privileg, für kurze Zeit Gast in dieser stillen, blauen Welt zu sein. Dieses Privileg geht mit der Verantwortung einher, die Regeln zu kennen und zu respektieren.
Die Dekompressionskrankheit ist kein Schicksal, sondern fast immer die Folge missachteter Regeln. Tauschen Sie sich aus, lernen Sie dazu und hören Sie auf erfahrene Guides. Seien Sie ein guter Partner für Ihren Tauchbuddy und achten Sie aufeinander. So stellen Sie sicher, dass jede Erinnerung, die Sie aus dem Roten Meer mit nach Hause nehmen, eine wunderbare ist.



