
Delfine und Dugongs: Meine 40 Jahre im Roten Meer
Wenn man über 40 Jahre als Tauchlehrer fast täglich auf dem Roten Meer verbringt, entwickelt man ein besonderes Verhältnis zu seinen Bewohnern. Man lernt ihre Wege, ihre Gewohnheiten und vor allem ihren Wert kennen.
Ich bin Mohammed Saad, aber die meisten nennen mich Mimo. Seit meiner Jugend fahre ich mit meinem Boot, der Blue Hole, hinaus zu den Riffen vor Sharm el-Sheikh und darüber hinaus. In all den Jahren habe ich unzählige Begegnungen mit den großen Meeressäugern dieser Region erlebt – mit Delfinen und den seltenen Dugongs.
Dabei musste ich auch mitansehen, wie sich unser Umgang mit ihnen verändert hat. Was ich Ihnen erzähle, stammt nicht aus einem Reiseführer. Es sind die Beobachtungen eines ganzen Lebens auf diesem Meer.
Die Delfine des Roten Meeres: Mehr als nur eine Attraktion
Die Freude an Bord ist immer riesig, wenn eine Gruppe Delfine unser Boot begleitet. Ihre Intelligenz und Lebensfreude sind ansteckend. Im Roten Meer begegnen wir hauptsächlich zwei Arten: den verspielten Spinner-Delfinen, die für ihre akrobatischen Sprünge bekannt sind, und den größeren, kräftigeren Großen Tümmlern.
Das Sataya-Riff, auch Dolphin House genannt, habe ich zum ersten Mal in den frühen 1980er-Jahren besucht. Damals waren wir oft das einzige Boot weit und breit. Die Delfine kamen aus reiner Neugier zu uns, ungestört und in ihrem natürlichen Rhythmus.
Heute ist das anders. Dutzende Boote steuern diesen Ort täglich an, was enormen Stress für die Tiere bedeutet. Denn sie nutzen diese Buchten eigentlich zum Schlafen und zur Aufzucht ihrer Jungen. Verstehen Sie mich nicht falsch, die Begegnung ist immer noch magisch. Aber sie erfordert von uns heute viel mehr Zurückhaltung und Wissen als früher.

Die scheuen Dugongs: Einem Meeres-Einhorn begegnen
Während Delfine fast jedem ein Begriff sind, wissen nur wenige von den Dugongs, den Gabelschwanzseekühen. Diese sanften, pflanzenfressenden Riesen sind die wahren Geheimnisse des Roten Meeres. Ich erinnere mich noch genau an meine erste Sichtung nahe Marsa Alam, es muss Ende der 80er gewesen sein. Für einen Moment dachte ich, ich hätte eine Fata Morgana unter Wasser gesehen. Dieses große, ruhige Wesen, das friedlich am Seegras weidete, hat mich tief beeindruckt.
Die Bucht Marsa Abu Dabbab galt lange als der sicherste Ort für eine Begegnung. Früher lag die Chance auf eine Sichtung dort bei 60 bis 70 Prozent. Doch diese Zeiten sind vorbei. Der zunehmende Bootsverkehr und die vielen unachtsamen Schnorchler haben die Tiere scheuer gemacht.
Heute ist eine Dugong-Sichtung ein seltener Glücksfall. Offizielle Zählungen gehen von nur noch etwa 16 bekannten Individuen in der gesamten Region um Marsa Alam aus. Wer heute einem dieser Meeresriesen begegnet, erlebt einen Moment, der immer kostbarer wird.

Verhaltensregeln: Wie wir den Tieren mit Respekt begegnen
Immer wieder erlebe ich diese Situation: Wir sind mit der Blue Hole unterwegs und plötzlich ruft jemand aufgeregt: „Delfine!“ Die erste Reaktion vieler Gäste ist, sofort zur Reling zu stürmen und am liebsten direkt ins Wasser zu springen.
Meine Reaktion als erfahrener Guide ist eine andere: Ich drossele den Motor und bringe Ruhe hinein. Dann erkläre ich der Gruppe leise, dass wir jetzt Gäste im Wohnzimmer der Tiere sind und uns auch so verhalten sollten. Hektik und Lärm müssen wir unbedingt vermeiden.
Wenn wir uns richtig verhalten, entscheiden die Tiere selbst, ob sie Kontakt aufnehmen. Echte, respektvolle Begegnungen sind unendlich viel mehr wert als eine erzwungene Jagd.
Meine wichtigsten Regeln für die Begegnung mit Meeressäugern:
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Keine Jagd: Fahren oder schwimmen Sie niemals direkt auf die Tiere zu. Halten Sie Abstand und lassen Sie die Tiere die Distanz bestimmen.
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Motor aus: Bitten Sie Ihren Bootsführer, in sicherer Entfernung den Motor auszuschalten oder in den Leerlauf zu gehen.
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Ruhig ins Wasser: Wenn die Situation es erlaubt, gleiten Sie leise und ohne Spritzen vom Boot ins Wasser. Keine „Arschbomben“.
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Nicht anfassen: Berühren Sie die Tiere unter keinen Umständen. Das stresst sie und kann Krankheiten übertragen.
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Keine Fütterung: Füttern Sie niemals wilde Meerestiere. Es stört ihr natürliches Verhalten und macht sie abhängig.
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Beobachten, nicht bedrängen: Bleiben Sie passiv im Wasser und genießen Sie den Moment. Die neugierigsten Delfine kommen von ganz allein.

Meine Hotspots im Roten Meer – Damals und Heute
Die Chancen auf eine Sichtung sind an manchen Orten höher als an anderen, aber eine Garantie gibt es in der freien Natur nie – und das ist auch gut so. Meine Erfahrung zeigt: Die beste Zeit für Begegnungen ist fast immer der frühe Morgen. Dann ist das Meer ruhig, die Tiere sind aktiv, und es sind weniger Boote unterwegs.
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Sataya-Riff (Dolphin House): Südlich von Marsa Alam gelegen. Bekannt für große Schulen von Spinner-Delfinen. Heute leider oft überlaufen. Eine gute, seriöse Safari, die früh am Morgen dort ist, kann aber immer noch ein Erlebnis sein.
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Sha’ab Samadai (Dolphin Reef): Ebenfalls bei Marsa Alam, aber als Nationalpark strenger reguliert. Hier gibt es klare Zonen, wo Boote und Schwimmer erlaubt sind und wo nicht. Ein viel besserer Ansatz zum Schutz der Tiere.
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Straße von Tiran (bei Sharm el-Sheikh): Hier habe ich oft Große Tümmler gesehen, die in der Bugwelle der Tauchboote spielen. Diese Begegnungen sind meist zufällig und kurz, aber sehr energiegeladen.
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Marsa Abu Dabbab: Wie gesagt, die erste Adresse für Dugongs, auch wenn die Sichtungen seltener geworden sind. Mit viel Geduld und Glück kann man sie hier beim Grasen beobachten.
Früher sind wir diese Plätze angefahren und waren meist allein. Heute kommt es vor allem darauf an, einen Anbieter zu wählen, der nicht Teil des Problems, sondern Teil der Lösung ist. Einen, der die Regeln kennt und respektiert.

Ein letztes Wort als Ihr Guide
Wenn ich heute mit meinem Sohn Samir, der selbst schon die Blue Hole steuert, aufs Meer fahre, zeige ich ihm nicht nur die Orte, sondern erzähle ihm auch die Geschichten dahinter. Ich erkläre ihm, dass jede Begegnung mit einem Delfin oder einem Dugong ein Privileg ist, kein gebuchtes Unterhaltungsprogramm. Wir sind nur für einen kurzen Moment Gäste in ihrer Welt.
Es liegt an uns allen, dafür zu sorgen, dass auch die nächste Generation diese atemberaubenden Momente noch erleben darf. Wählen Sie Ihre Touren also mit Bedacht und seien Sie ein respektvoller Besucher. Das ist das Beste, was Sie für die Meeressäuger und für sich selbst tun können.