Faszinierende Riffbewohner: Mein Führer zu den kleinen Wundern des Roten Meeres

In über 40 Jahren als Tauchlehrer hier in Sharm el-Sheikh habe ich fast alles gesehen, was das Rote Meer zu bieten hat: große Schwärme von Barrakudas, majestätische Adlerrochen und natürlich die Haie. Doch was mich heute, nach tausenden Tauchgängen, noch immer am meisten fasziniert, sind nicht die großen Jäger.

Es sind die kleinen, oft übersehenen Wunder, die sich in den Spalten und auf dem Sandboden verstecken. Ich zeige meinen Gästen am liebsten, was man übersieht – das Kleine und Filigrane ist oft das Spannendste. Wer nur nach dem Großen sucht, verpasst die wahre Magie des Riffs.

Die Edelsteine des Meeres: Warum ich Nacktschnecken so liebe

Wenn Gäste mich fragen, was mein Lieblingslebewesen ist, erwarten sie oft eine Antwort wie „Hammerhai“ oder „Schildkröte“. Meine Antwort überrascht die meisten: die Nacktschnecke, auch Nudibranchia genannt. Diese winzigen Geschöpfe sind die lebenden Juwelen des Riffs.

Viele Arten werden nur 3 bis 5 Zentimeter groß und leuchten in einer Farbenpracht, die man sonst kaum findet. Ihre Muster sind so komplex und einzigartig – jede Einzelne ist ein kleines Kunstwerk. Für mich ist es immer wieder ein Highlight, an Spots wie dem Near Garden eine prächtige Spanische Tänzerin oder eine farbenfrohe Chromodoris zu entdecken. Sie sind ein klares Zeichen für ein gesundes Riff und eine Belohnung für alle, die geduldig und aufmerksam sind.

Nacktschnecken

Meister der Tarnung: Oktopus und Geisterpfeifenfische

Die größte Freude beim Tauchen ist das Entdecken. Und nirgendwo ist diese Freude größer, als wenn man einen Meister der Tarnung in seinem Versteck aufspürt – natürlich nur mit den Augen.

Ich hatte einmal eine Gruppe in der Shark Bay, die nur Augen für die großen Fische hatte. Alles drehte sich nur um die eine Frage: „Wo sind die Haie?“ Ich habe die Gruppe sanft gestoppt und auf einen unscheinbaren Korallenblock am Sandgrund gezeigt. Zuerst sahen sie nichts. Doch dann, nach einem Moment, erkannten sie ein winziges Auge, das sie anblinzelte. Ein kleiner Oktopus, perfekt an seine Umgebung angepasst, pulsierte sanft in den Farben des Riffs. Die Begeisterung in ihren Augen war größer als bei jeder Haisichtung zuvor. An diesem Tag haben sie verstanden, worum es wirklich geht.

Oktopus in seinem Versteck

Genauso faszinierend sind die Geisterpfeifenfische. Diese filigranen Tiere werden bis zu 15 Zentimeter lang und sehen aus wie ein Teil der Koralle oder eines Seegraswedels. Sie zu finden, erfordert ein geschultes Auge und viel Geduld. Aber das Gefühl, einen Harlekin-Geisterpfeifenfisch entdeckt zu haben, der sich im Takt der Strömung sanft wiegt, ist unbezahlbar.

Die geschäftigsten Orte am Riff: Ein Besuch bei den Putzerstationen

Eines der faszinierendsten Schauspiele, das vielen Tauchern entgeht, findet an den sogenannten Putzerstationen statt. Hier warten kleine Putzergarnelen oder Putzerlippfische auf ihre „Kunden“. Große Muränen, Zackenbarsche und sogar Barrakudas kommen an diese Stellen, reißen ihr Maul weit auf und lassen sich von den kleinen Helfern Parasiten und Hautschüppchen entfernen. Es ist ein stilles Abkommen, ein perfektes Beispiel für Symbiose. Stundenlang könnte ich diesem Treiben zusehen. Es ist wie ein Theaterstück, das jeden Tag aufs Neue aufgeführt wird – man muss nur wissen, wo der Vorhang aufgeht.

Putzerstation am Riff

Ihr Auge schulen: Wie Sie die kleinen Wunder finden, ohne sie zu stören

Das Entdecken von Makrolebewesen ist keine Zauberei, sondern eine Frage der Technik und des Respekts. Über die Jahre haben sich für mich vier einfache Regeln bewährt, die jedem helfen, die verborgene Welt des Riffs zu entdecken.

  1. Verlangsamen Sie Ihr Tempo: Eile ist dabei der größte Fehler. Schweben Sie ruhig und langsam über das Riff. Bewegen Sie nur Ihre Augen, nicht Ihren ganzen Körper.

  2. Wissen Sie, wo Sie suchen müssen: Die besten Verstecke sind oft die unscheinbarsten. Schauen Sie auf den Sandgrund direkt an den Korallen, prüfen Sie die Unterseiten von Korallenblöcken und Überhängen und mustern Sie Gorgonien und Seegraswiesen ganz genau.

  3. Nutzen Sie eine Lampe: Auch am Tag hilft eine gute Tauchlampe ungemein. Sie bringt die wahren Farben zum Vorschein und lässt getarnte Tiere aus dem Hintergrund hervortreten.

  4. Respektieren Sie die Bewohner: Das ist die wichtigste Regel. Fassen Sie niemals etwas an. Wirbeln Sie keinen Sand auf und halten Sie immer perfekten Abstand. Wir sind nur Gäste in dieser Welt. Der schönste Fund ist der, den wir ungestört in seiner natürlichen Umgebung beobachten.

Tauchgang im Roten Meer

Das Rote Meer zeigt mir auch nach 40 Jahren noch jeden Tag etwas Neues, besonders wenn ich genau hinschaue. Bei Ihrem nächsten Tauchgang, egal ob hier in Sharm el-Sheikh oder woanders auf der Welt, nehmen Sie sich einen Moment Zeit. Atmen Sie ruhig, verlangsamen Sie Ihr Tempo und öffnen Sie Ihre Augen für das, was sich im Kleinen verbirgt. Sie werden staunen, welche Wunder auf Sie warten. Die größten Abenteuer sind oft die kleinsten.

Mimo
Mimo

Mohammed „Mimo“ Saad ist Tauchlehrer und war mit eigenem Tauchbetrieb sowie mehreren Booten jahrzehntelang in Sharm el-Sheikh aktiv. Er hat Hunderte Taucher ausgebildet, kennt jedes Riff des Roten Meeres und teilt sein Wissen auf sharmelsheikh.de als verantwortlicher Autor für alle Themen rund um Tauchen, Boote, Schnorcheln und Wassersport. Heute lebt Mimo in Deutschland – sein Bezug zu Sharm ist ungebrochen.

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