
Das Rote Meer lesen lernen: Meine 40 Jahre Erfahrung mit Gezeiten, Strömungen und Riffen
Seit über 40 Jahren fahre ich mit meinem Boot, der Blue Hole, auf das Rote Meer hinaus. In dieser Zeit habe ich gelernt, dass das Meer seine eigene Sprache spricht. Es erzählt von kommenden Winden, verborgenen Strömungen und den besten Momenten, um in die Tiefe abzutauchen. Wetter-Apps und moderne Technik sind nützliche Helfer, aber sie ersetzen niemals den direkten Blick auf das Wasser. Wer hier sicher navigieren und die schönsten Tauchgänge erleben will, muss lernen, dem Meer zuzuhören. Und genau das möchte ich mit Ihnen teilen: was ich in vier Jahrzehnten über die Zeichen des Roten Meeres gelernt habe.
Die subtile Macht der Gezeiten
Viele Gäste aus atlantischen Regionen unterschätzen die Gezeiten im Roten Meer. Sie erwarten große Unterschiede zwischen Ebbe und Flut und sind überrascht, wie gering der Tidenhub hier ausfällt. Im Vergleich zu den vier bis sechs Metern an vielen europäischen Küsten haben wir hier in Sharm el-Sheikh meist nur einen Unterschied von 0,5 bis 1,5 Metern. Doch diese unscheinbare Veränderung hat enorme Auswirkungen auf unsere Riffe und die Navigation.

Bei Ebbe fallen die Riffdächer an vielen Stellen trocken. Das Wasser zieht sich zurück, und Strömungen entstehen, wo kurz zuvor noch Stille herrschte. Für uns Kapitäne bedeutet das, dass bestimmte Passagen nur bei Hochwasser sicher befahrbar sind. Für Taucher wiederum können sich die Bedingungen an einem Tauchplatz innerhalb weniger Stunden komplett ändern. Aus meiner Erfahrung weiß ich: Ein Riff, das morgens bei Flut ein sanfter Korallengarten ist, kann mittags bei Ebbe zu einem anspruchsvollen Strömungstauchgang werden. Dieses Wissen ist entscheidend für die Planung eines sicheren und schönen Tages auf dem Meer.
Strömungen: Die unsichtbaren Flüsse des Meeres
Die Gezeiten sind der Motor, der viele Strömungen im Roten Meer antreibt. Besonders deutlich wird das in Engstellen wie der Straße von Tiran. Diese Meerenge zwischen dem Sinai und der Insel Tiran ist weltberühmt für ihre Riffe, aber auch berüchtigt für ihre starken Strömungen. Ein Grundgesetz, das jeder Kapitän hier kennt: In der Straße von Tiran herrscht bei Ebbe die stärkste Strömung. Dann wird das Wasser wie durch einen Trichter aus dem Golf von Aqaba gepresst.

Für Taucher kann das ein fantastisches Erlebnis sein – ein sogenannter Strömungstauchgang, bei dem man sich einfach treiben lässt. Doch das erfordert exakte Planung. Ich fahre niemals in die Straße von Tiran, ohne vorher den Gezeitenkalender und die Wasseroberfläche selbst genau zu prüfen. Die Strömung transportiert zwar Nährstoffe und zieht Großfische an, aber sie kann unerfahrene Taucher auch schnell überfordern oder vom Riff wegtreiben. Das Verständnis dieser „unsichtbaren Flüsse“ ist der Schlüssel zur Sicherheit aller an Bord.
Das Wetter mit den Augen lesen
Jeden Morgen schaue ich zuerst auf das Wasser – nicht auf die Wetter-App in meinem Telefon. Die App gibt dir Daten, das Meer gibt dir die Wahrheit. Das entscheidende Element, das wir hier beobachten, ist der Wind. Die meiste Zeit des Jahres dominieren in Sharm el-Sheikh die nördlichen Winde. Sie bringen trockenes, klares Wetter und sind für uns berechenbar. Wir kennen die Riffe, die im Windschatten liegen und auch bei stärkerem Nordwind ruhige Tauchgänge ermöglichen.
Ein Warnzeichen ist für mich immer, wenn der Wind auf Süd dreht. Südwind bringt oft Feuchtigkeit, eine unruhige See und schlechtere Sicht unter Wasser. Er baut über eine lange Strecke Wellen auf, die dann auf unsere Küste treffen. Wenn ich am Morgen sehe, dass die Flaggen nach Norden zeigen, während gleichzeitig eine leichte Dünung aus dem Süden ankommt, weiß ich, dass auf dem offenen Meer raue Bedingungen herrschen. Das sind die Tage, an denen lange Fahrten zu Wracks wie der Thistlegorm ungemütlich oder gar unmöglich werden.
Was ich morgens am Hafen beobachte: Ein Praxisszenario
Stellen Sie sich einen frühen Morgen im Hafen vor. Die Sonne geht gerade auf. Bevor meine Gäste an Bord kommen, stehe ich an der Reling und lese das Meer für den kommenden Tag.
Ich schaue nicht auf die Wellenhöhe, sondern auf die Struktur der Wasseroberfläche. Sehe ich kurze, kleine Kräuselungen? Das ist lokaler Wind, meist unproblematisch. Oder sehe ich lange, sanfte Wellen – eine Dünung, die aus der Ferne angerollt kommt? Das ist ein Zeichen für Wind, der weit draußen auf dem offenen Meer weht. Seine Energie hat uns bereits erreicht.

Eine solche Dünung aus Süden veranlasst mich oft, den ursprünglichen Plan zu ändern. Selbst wenn die Wetter-App nur leichten Wind vorhersagt, erzählt mir diese Dünung eine andere, ehrlichere Geschichte. Sie warnt mich, dass die zweistündige Fahrt zur Thistlegorm für meine Gäste sehr unangenehm werden würde. Stattdessen entscheiden wir uns für die geschützten Tauchplätze im Ras-Mohammed-Nationalpark. Dort werden wir einen fantastischen, ruhigen Tag haben, während andere Boote auf dem offenen Meer kämpfen. Diese Entscheidung basiert nicht allein auf Daten, sondern auf dem Verständnis für die Sprache des Meeres.
Erfahrung ist der beste Kompass
Das Rote Meer ist ein Geschenk, aber es verlangt Respekt und Wissen. Nach so vielen Jahren auf dem Wasser und Tausenden von Tauchgängen an den hiesigen Riffen verlasse ich mich auf eine Kombination aus moderner Technik und den alten Methoden der Seefahrer: beobachten, fühlen, verstehen. Dieses Wissen ist es, das Tag für Tag dafür sorgt, dass meine Gäste auf der Blue Hole nicht nur die Schönheit der Unterwasserwelt erleben, sondern auch sicher wieder in den Hafen zurückkehren. Das ist die Verantwortung und die Freude eines Kapitäns.
