Tauchplätze im Wandel der Zeit: Mein persönlicher 40-Jahres-Rückblick auf die Riffe

Wenn man wie ich über 40 Jahre lang fast täglich dieselben Riffe betaucht, entwickelt man eine besondere Beziehung zu ihnen. Man kennt nicht nur jeden Korallenblock, sondern sieht sie atmen, wachsen und manchmal auch leiden. Ich habe das Rote Meer vor Sharm el-Sheikh in seiner fast unberührten Pracht erlebt und seinen Wandel über die Jahrzehnte miterlebt. Diese Entwicklung ist für mich keine wissenschaftliche Abhandlung, sondern Teil meiner Lebensgeschichte. Ich nehme Sie mit auf eine sehr persönliche Reise durch die Zeit – zu den Riffen, wie ich sie kannte und wie ich sie heute sehe.

Die 1980er – Eine unberührte Welt

Als ich in den frühen 1980er Jahren als junger Tauchlehrer begann, war Sharm el-Sheikh ein kleines Dorf. Das Wort „Massentourismus“ kannte hier niemand. Wenn wir mit meinem ersten Boot, der Blue Hole, zum Ras Mohammed fuhren, waren wir oft das einzige Boot weit und breit. Ankern war damals noch üblich – heute unvorstellbar. Die Riffe zeigten eine Dichte und Farbenpracht, wie man sie heute nur noch an sehr wenigen Orten der Welt findet.

Ich erinnere mich an Tauchgänge am Shark Reef, bei denen die schiere Menge an Fischen die Sicht fast versperrte. Tausende Fledermausfische und Schnapper bildeten undurchdringliche Wände. Das war keine Seltenheit, sondern der Alltag. Ein Spot, der mich damals besonders begeisterte, war das heutige „Far Garden“. Es hatte noch keinen Namen; wir nannten es einfach „das Riff hinter der Bucht“. Die Tischkorallen dort hatten Durchmesser von vier bis fünf Metern. Darunter spielten sich ganze Szenen ab: Muränen jagten, Putzergarnelen arbeiteten. Es war ein komplettes, perfektes Ökosystem im Miniaturformat. Man musste nur zusehen.

Ein Blick zurück in die 1980er: So unberührt und farbenprächtig habe ich die Riffe als junger Tauchlehrer erlebt.

Die 1990er – Der Wandel beginnt

Mit den 1990er Jahren kamen mehr Hotels und damit auch mehr Taucher. Es war eine gute Zeit für das Geschäft, aber eine herausfordernde für die Riffe. Ich sah die ersten Veränderungen. Plötzlich lagen an beliebten Spots wie dem Jackson Reef in der Straße von Tiran fünf, sechs oder sogar zehn Boote gleichzeitig. Die Gründung des Ras Mohammed Nationalparks 1983 und die Arbeit von Organisationen wie HEPCA waren die richtige Antwort darauf. Man begann, feste Ankerbojen zu installieren, um die Korallen zu schützen.

Das war der wichtigste erste Schritt. Davor hörte man unter Wasser oft das schreckliche Geräusch eines Ankers, der über den Riffkamm schleifte. Trotzdem nahm der Druck zu. Die schiere Anzahl an Flossenschlägen, die versehentlichen Berührungen durch unerfahrene Taucher und der Blasenbeschuss hinterließen Spuren. Die ganz empfindlichen Fächerkorallen in den flacheren Bereichen wurden seltener. Es war ein schleichender Prozess, den nur bemerkte, wer wie ich fast jeden Tag am selben Ort war.

In den 1990er Jahren wurden erste Veränderungen an den Riffen sichtbar – ein Wandel, der sich bis heute fortsetzt.

Heute – Ein Riff zwischen Schutz und Belastung

Wenn ich heute tauchen gehe, bietet sich mir ein zwiespältiges Bild. Einerseits gibt es Bereiche, die sich erstaunlich gut gehalten haben oder sich sogar erholen. Die Strömungsspots in der Straße von Tiran sind dank der Nährstoffe und der starken Wasserbewegung immer noch Weltklasse. Andererseits gibt es Riffe, die mich traurig stimmen.

Ein solches Beispiel ist der Tauchplatz „The Temple“, direkt vor der Küste. In den 80ern war er ein Labyrinth aus Korallentürmen, voller Glasfische und Weichkorallen. Durch seine Nähe zur Küste und die hohe Besucherfrequenz hat er viel von seiner einstigen Magie eingebüßt. Viele der filigranen Strukturen sind abgebrochen, die Farben sind blasser. Er ist ein Mahnmal dafür, was passiert, wenn ein Riff überlastet wird.

Gleichzeitig hat sich aber auch das Bewusstsein deutlich verbessert. Heute sind Briefings zum Riffschutz Standard, das Anfassen von Korallen ist streng verboten, und die meisten Tauchbasen arbeiten sehr professionell. Positiv stimmt mich auch: An manchen Stellen, die lange gesperrt waren, erkennt man, wie schnell sich die Natur erholen kann, wenn man ihr die Chance dazu gibt. Die Fischbestände haben sich an einigen Orten stabilisiert, auch weil die Fischerei strenger reguliert wird.

Der heutige Zustand der Riffe: ein Bild, das sowohl die Belastungen als auch die Chancen zur Erholung zeigt.

Was bleibt – Hoffnung und Verantwortung

Was hat sich also zum Guten verändert? Vor allem das Bewusstsein und der Wille zum Schutz. Die Professionalität der Tauchindustrie hier in Sharm ist enorm gewachsen, die Regeln sind streng – und das ist gut so. Zum Schlechten verändert hat sich hingegen die schiere Dichte des Lebens unter Wasser an den stark frequentierten Plätzen. Die Riffe sind fragiler geworden.

Wenn ich heute mit meinem Sohn Samir, der inzwischen 16 ist und die Blue Hole schon selbst steuert, rausfahre, zeige ich ihm die Plätze, die ich seit meiner Jugend kenne. Die Freude in seinen Augen, wenn wir eine Schildkröte oder einen Napoleonfisch sehen, ist dieselbe wie meine vor 40 Jahren. Das Gefühl, in eine andere Welt einzutauchen, ist geblieben. Aber ich erkläre ihm auch die Verantwortung, die wir tragen. Jedes Boot, jeder Taucher, jeder von uns entscheidet mit, wie diese Riffe in weiteren 40 Jahren aussehen werden.

Das Rote Meer vor Sharm el-Sheikh ist noch immer einer der schönsten Tauchorte der Welt. Die Vielfalt ist unglaublich und große Begegnungen sind immer noch möglich. Es ist nicht mehr die unberührte Wildnis der 80er Jahre, aber es ist ein kostbares Gut, das es mehr denn je zu schützen gilt.

40 Jahre Tauchgeschichte: Meine Erfahrung zeigt, wie sich die Riffe entwickelt haben und warum ihr Schutz heute so wichtig ist.

Mittler Fazit nach vier Jahrzehnten

Die Riffe haben sich verändert, so wie auch ich mich verändert habe. Sie tragen die Spuren der Zeit, die guten wie die schlechten. Aber ihre Faszination ist ungebrochen. Als Tauchlehrer und als Mensch, der sein Leben dem Meer gewidmet hat, sehe ich meine Aufgabe heute mehr denn je darin, diese Faszination weiterzugeben und zugleich für den Schutz dieser einzigartigen Welt zu werben. Wenn Sie das nächste Mal in Sharm el-Sheikh ins Wasser gehen, denken Sie daran: Sie sind ein Gast in einem sehr alten und sehr empfindlichen Haus. Behandeln Sie es mit Respekt, damit auch die nächste Generation noch seine Wunder bestaunen kann.

Mittler Fazit nach vier Jahrzehnten

Mimo
Mimo

Mohammed „Mimo“ Saad ist Tauchlehrer und war mit eigenem Tauchbetrieb sowie mehreren Booten jahrzehntelang in Sharm el-Sheikh aktiv. Er hat Hunderte Taucher ausgebildet, kennt jedes Riff des Roten Meeres und teilt sein Wissen auf sharmelsheikh.de als verantwortlicher Autor für alle Themen rund um Tauchen, Boote, Schnorcheln und Wassersport. Heute lebt Mimo in Deutschland – sein Bezug zu Sharm ist ungebrochen.

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