
Die ungeschriebenen Gesetze des Roten Meeres: Der Kodex erfahrener Seeleute und Taucher
Seit über 40 Jahren fahre ich mit meinem Boot, der Blue Hole, durch das Rote Meer vor Sharm el-Sheikh. In dieser Zeit habe ich gelernt, dass die offiziellen Seefahrtsregeln nur die halbe Wahrheit sind.

Daneben gibt es einen stillschweigenden Kodex unter erfahrenen Kapitänen, Tauchlehrern und Crews: ungeschriebene Gesetze, die auf Respekt, Sicherheit und dem tiefen Verständnis für dieses einzigartige Ökosystem basieren. Das sind die Regeln, die ich jedem neuen Gast und jeder Crew beibringe. Sie machen den Unterschied zwischen einem Touristen und einem verantwortungsvollen Besucher des Meeres aus.
An Bord: Respekt ist die Währung auf See
Ein Tauchboot ist kein Kreuzfahrtschiff. Es ist ein Arbeitsplatz und für die Dauer Ihres Ausflugs auch Ihr Zuhause. Die wichtigste Regel an Bord lautet: Das Wort des Kapitäns ist Gesetz. Dabei geht es nicht um Autorität zum Selbstzweck, sondern einzig und allein um Sicherheit. Der Kapitän kennt die Strömungen, den aufziehenden Wind und das Verhalten der anderen Boote; seine Entscheidungen dienen dem Schutz aller an Bord.
Auf meiner Blue Hole gilt eine klare Ordnung: Jeder Ausrüstungsgegenstand hat seinen festen Platz, und nichts liegt im Weg. Das verhindert bei Seegang nicht nur Stürze, sondern auch teure Schäden an Kameras oder Atemreglern. Ich habe es oft genug erlebt, wie eine einzige unbedachte Handlung gefährlich werden kann – etwa eine über Bord geworfene Zigarette, wenn der Wind dreht und die Glut zurück an Deck fliegt. Deshalb ist das Rauchen bei uns nur im ausgewiesenen Bereich am Heck erlaubt.
Respektieren Sie auch die Crew. Die Männer arbeiten hart, oft von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang, um Ihnen einen perfekten Tag zu bereiten.
Am Riff: Wir sind nur zu Gast
Unter Wasser gelten die strengsten Regeln, denn hier sind wir schließlich nur Besucher in einer fragilen Welt. Die oberste Direktive ist simpel: Nichts anfassen. Weder Korallen noch Tiere. Ein einziger unachtsamer Flossenschlag zu nah am Riff kann Jahrzehnte des Wachstums zerstören.
Ich bringe jedem Taucher bei, einen Sicherheitsabstand von mindestens einem Meter zum Riff zu halten. Das schützt nicht nur die Korallen, sondern auch Sie selbst vor schmerzhaften Begegnungen mit Feuerkorallen oder einem gut getarnten Steinfisch.

Ankerverbotszonen sind für uns Seeleute heilig. Wir nutzen ausschließlich die fest installierten Mooringleinen der HEPCA. Wer wild ankert, hinterlässt eine Schneise der Zerstörung. In über 40 Jahren als Tauchlehrer habe ich die traurigen Folgen von Unachtsamkeit gesehen: abgestorbene Korallenfelder, wo einst blühendes Leben war, weil Boote zu nah fuhren oder Taucher ihre Tarierung nicht im Griff hatten. An besonders sensiblen Spots reduzieren wir deshalb bewusst die Gruppengröße, um den Druck auf die Umwelt zu minimieren.
Gegenüber anderen Booten: Vorausschauend fahren, Konflikte meiden
Die Buchten und Riffe von Sharm el-Sheikh können besonders in der Hochsaison sehr belebt sein. Hier zeigt sich, wer sein Handwerk versteht. Die ungeschriebene Regel lautet, einen Mindestabstand von 50 Metern zu anderen Booten zu halten, insbesondere wenn diese bereits Taucher im Wasser haben. Das schafft eine Sicherheitszone für aufsteigende Taucher und vermeidet Lärm und Hektik.
Ich erinnere mich gut an eine Situation am Jackson Reef. Eine neue Charter-Crew, unerfahren in unseren Gewässern, fuhr mit hoher Geschwindigkeit in die Bucht, in der bereits vier andere Boote lagen. Sie kannten die Regel nicht: Das einlaufende Boot fährt langsam, lässt denen vor Ort den Vortritt und respektiert ihren Platz. Es kam beinahe zu einer Kollision.

Ein weiteres Gesetz: Wer zuerst an einer Mooring ist, hat das Anrecht darauf. Man drängelt nicht und versucht nicht, ein anderes Boot abzudrängen. Man wartet oder sucht sich einen anderen Platz. Vorausschauendes und rücksichtsvolles Fahren ist das Markenzeichen eines erfahrenen Kapitäns.
Dieser Kodex ist kein Regelwerk, um den Spaß zu verderben. Im Gegenteil: Er ist die Grundlage dafür, dass wir alle – Gäste, Crews und die Meeresbewohner – das Rote Meer sicher und nachhaltig genießen können.
Wahrung der Tradition und Weitergabe des Wissens
Auf der Blue Hole setze ich diese Regeln konsequent durch. Manche Gäste sind anfangs überrascht von der klaren Ansage, aber am Ende des Tages verstehen sie, dass dies der einzige Weg ist, die Sicherheit aller zu garantieren und dieses Paradies zu schützen. Mein Sohn Samir, der heute mit 16 Jahren schon selbst das Boot steuert, lernt genau diesen Kodex von Grund auf.

Es sind diese Werte und die Erfahrung, die wir an die nächste Generation weitergeben, um die Schönheit des Roten Meeres zu bewahren.