
Die ungeschriebenen Gesetze des Tauchgeschäfts: Eine Insider-Perspektive aus Sharm el-Sheikh
Mein Name ist Mohammed Saad, aber seit Jahrzehnten nennen mich alle nur Mimo. Ich bin 60 Jahre alt, und mehr als 40 davon habe ich als Tauchlehrer in Sharm el-Sheikh verbracht. Das Rote Meer ist mein Zuhause, mein Boot – die Blue Hole – ein Teil meiner Familie. In all den Jahren habe ich Tausende von Gästen begleitet und dabei gesehen, was einen guten Tauchtag zu einem unvergesslichen Erlebnis macht – und was ihn ruinieren kann.
Die schönsten Riffe und die buntesten Fische sind nur die halbe Miete. Mindestens genauso wichtig ist das Miteinander an Bord. Es gibt ungeschriebene Gesetze, eine Etikette zwischen Gästen, Guides und der Crew, die in keinem Reiseführer steht. Wer sie versteht, erlebt nicht nur bessere Tauchgänge, sondern zeigt Respekt – und wird selbst mit ebensolchem behandelt.
Hier teile ich meine Erfahrungen mit Ihnen, damit Sie nicht einfach nur als Tourist kommen, sondern als willkommener Gast.
Mehr als nur ein Passagier: Verhalten an Bord
Ein Tauchboot ist zugleich Arbeitsplatz und Gemeinschaftsraum auf engstem Raum. Damit an Bord alles reibungslos läuft, kommt es auf jeden Einzelnen an. Das Wichtigste ist Pünktlichkeit. Wir treffen uns meist um 8:00 Uhr morgens am Steg, aber das heißt nicht, dass das Boot um 8:05 Uhr ablegt.

Wir sind von der Küstenwache abhängig, die allen Booten zur selben Zeit die Freigabe erteilt. Das kann manchmal 30 bis 45 Minuten dauern. Diese Zeit ist jedoch nicht verloren – wir nutzen sie, um uns kennenzulernen, die Ausrüstung zu prüfen und das Briefing abzuhalten.
Verstauen Sie Ihre Ausrüstung immer ordentlich an Ihrem Platz und halten Sie die Wege frei, damit die Crew ungehindert arbeiten kann. Und hören Sie beim Briefing genau zu – es geht um Ihre Sicherheit und die der gesamten Gruppe.
Meine persönliche Erfahrung: Ich erinnere mich an einen Gast, der seine riesige Kameratasche mitten auf dem Deck abgestellt und damit den Hauptdurchgang für die Crew blockiert hat. Trotz mehrfacher Bitten blieb sie dort. Ein anderer Gast hingegen, ein erfahrener Taucher, sah, dass ein Anfänger Probleme mit seinem Flossenband hatte, und half ihm leise und ohne großes Aufheben. Am Ende des Tages sprach die gesamte Crew über den hilfsbereiten Gast, nicht über den mit der großen Tasche. Kleine Gesten machen den größten Unterschied.
Praxisszenario: Was passiert, wenn Sie das Briefing ignorieren?
Wenn ein Guide merkt, dass Sie nicht zuhören, wird er Sie unter Wasser besonders genau beobachten. Er kann Ihnen nicht vertrauen. Das kann bedeuten, dass er den Tauchgang konservativer plant, die Gruppe enger zusammenhält und vielleicht einen interessanten Abzweig auslässt, weil er sich auf Sie konzentrieren muss. Im schlimmsten Fall, wenn Sie durch Ihr Verhalten ein Sicherheitsrisiko darstellen, kann er für den nächsten Tauchgang darauf bestehen, dass Sie einen Privatguide buchen – auf Ihre Kosten.
Ihr Guide ist Ihr Partner, nicht Ihr Diener: Die richtige Kommunikation
Ihr Tauchguide trägt eine immense Verantwortung. Er ist für die Sicherheit von bis zu sechs, manchmal acht Tauchern zuständig. Die wichtigste Grundlage für eine gute Beziehung ist Ehrlichkeit. Seien Sie offen über Ihre Erfahrung, Ihre Ängste und Ihre Wünsche. Wenn Ihr letzter Tauchgang mehr als zwölf Monate zurückliegt, wird jede seriöse Basis auf einem Check-Tauchgang bestehen. Das ist keine Schikane, sondern dient Ihrer eigenen Sicherheit.
Sprechen Sie mit Ihrem Guide, bevor Sie ins Wasser springen. Sagen Sie ihm, was Sie interessiert: Möchten Sie nach Nacktschnecken suchen? Hätten Sie gern Zeit für ein gutes Foto? Ein guter Guide wird versuchen, diese Wünsche zu berücksichtigen, sofern es die Bedingungen und die Gruppe zulassen. Aber erwarten Sie nicht, dass er Ihre Gedanken lesen kann.

Meine persönliche Erfahrung: Vor einigen Jahren hatte ich einen Gast, der im Logbuch über 200 Tauchgänge eingetragen hatte und sich selbst als „Profi“ bezeichnete. Unter Wasser war seine Tarierung katastrophal, er ruderte mit den Armen und verbrauchte seine Luft doppelt so schnell wie der Rest der Gruppe. Ich musste den Tauchgang für alle nach 25 Minuten beenden. Hätte er vorher ehrlich zugegeben: „Ich bin lange nicht getaucht und etwas nervös“, hätten wir gemeinsam eine Lösung gefunden. So war es für ihn peinlich und für die anderen ärgerlich.
Praxisszenario: Was passiert, wenn Sie Ihre Fähigkeiten überschätzen?
Der Guide wird sofort eingreifen, denn die Sicherheit der gesamten Gruppe hat für ihn oberste Priorität. Er wird Sie vielleicht an die Hand nehmen, näher bei sich behalten oder Sie bitten, den Tauchgang gemeinsam mit ihm vorzeitig zu beenden. Das ist keine Bestrafung. Er schützt Sie und die anderen. Für die restlichen Tage wird er Sie wahrscheinlich in eine Gruppe mit weniger erfahrenen Tauchern einteilen oder Ihnen Tauchplätze empfehlen, die weniger anspruchsvoll sind.
Das ehrliche Wort zum Bakschisch: Die Trinkgeld-Etikette
Das Thema Trinkgeld, hier Bakschisch genannt, verunsichert viele Gäste. Um es klar zu sagen: Trinkgeld ist niemals eine Pflicht, aber es ist ein tief verwurzelter Teil der Kultur und ein wichtiges Zeichen der Wertschätzung. Die Gehälter der Bootscrews – Kapitän, Matrosen, Koch – sind niedrig. Das Trinkgeld macht einen wichtigen Teil ihres Einkommens aus.
Ein guter Richtwert sind 5 bis 10 US-Dollar (oder der Gegenwert in Ägyptischen Pfund, etwa 150–300 EGP) pro Taucher und Tag für die gesamte Bootscrew. Dieses Geld wird am Ende des Tages gesammelt und unter der Crew aufgeteilt. Ihr Tauchguide wird in der Regel separat bedacht. Hier ist ein ähnlicher Betrag angemessen, wenn Sie mit seiner Leistung zufrieden waren.

Meine persönliche Erfahrung: Das „Wie“ ist fast wichtiger als das „Wie viel“. Ich habe Gäste erlebt, die am Ende des Tages ein paar Münzen auf den Tisch warfen, was schnell als respektlos empfunden wird. Viel besser ist es, wenn eine Gruppe das Geld sammelt, in einen Umschlag steckt und es dem Kapitän oder dem Guide persönlich mit ein paar freundlichen Worten übergibt. Dieser Moment der persönlichen Übergabe ist ein Zeichen des Respekts, das oft mehr geschätzt wird als das Geld allein.
Praxisszenario: Was passiert, wenn Sie kein Trinkgeld geben?
Absolut nichts. Niemand wird Sie schlecht behandeln oder unfreundlich sein, denn die ägyptische Gastfreundschaft ist echt. Sie verpassen jedoch die Chance, Ihre Dankbarkeit zu zeigen, und werden vielleicht nicht als der großzügige Gast in Erinnerung bleiben, den man beim nächsten Mal mit besonderer Freude wieder an Bord begrüßt.
Planung ist Respekt: Die Regeln der Buchung
Für die Tauchbasis ist Ihre Buchung mehr als nur ein Name auf einer Liste – sie ist die Grundlage für die gesamte logistische Planung. Besonders bei speziellen Touren wie zur Thistlegorm oder in den Ras Mohammed Nationalpark müssen Plätze, Genehmigungen und Verpflegung lange im Voraus organisiert werden.

Eine gute Faustregel: Buchen Sie Standard-Tagestouren mindestens zwei bis drei Tage im Voraus. Für sehr gefragte Ausflüge wie zur Thistlegorm sollten Sie eine Woche Vorlauf einplanen, besonders in der Hochsaison. Eine Anzahlung ist üblich und sichert Ihren Platz.
Praxisszenario: Was passiert wirklich bei einer kurzfristigen Absage?
Wenn Sie am Morgen der Tour nicht erscheinen, verliert die Tauchbasis Geld. Die Basis hat für Ihren Platz auf dem Boot bezahlt, das Mittagessen eingekauft und vor allem die Nationalparkgebühr – für Ras Mohammed sind das rund 7 Euro pro Person – bereits für Sie entrichtet. Deshalb werden Sie Ihre Anzahlung in den meisten Fällen nicht zurückbekommen. Es geht also nicht darum, Sie zu bestrafen, sondern schlicht darum, die bereits entstandenen Kosten zu decken. Eine rechtzeitige Absage am Vortag wird hingegen meistens kulant gehandhabt. Kommunikation ist hier alles.
Jenseits des Riffs: Respekt vor Ort und das, was bleibt
Viele europäische Gäste lesen vor ihrer Reise die Hinweise des Auswärtigen Amtes und sind verunsichert. Ich lebe seit 50 Jahren hier und kann Ihnen versichern: Die touristischen Zentren wie Sharm el-Sheikh sind extrem sicher. Polizei und Militär sind sehr präsent, und ihre Aufgabe ist es, die Gäste zu schützen. Die Reisewarnungen beziehen sich auf individuelle Überlandfahrten, nicht auf Ihren Aufenthalt im Resort.
Respekt zeigen Sie auch abseits des Bootes. In der Naama Bay können Sie sich kleiden wie in Europa. Wenn Sie aber einen lokalen Markt besuchen, ist es eine Geste des Respekts, wenn Frauen Schultern und Knie bedecken. Beim Handeln auf dem Basar gilt: Bleiben Sie freundlich, lächeln Sie. Es ist ein Spiel, kein Kampf. Ein aggressiver Ton führt zu nichts.
Mein Fazit für Sie
Am Ende läuft alles auf vier einfache Prinzipien hinaus: Pünktlichkeit, Ehrlichkeit, Respekt und ein wenig Großzügigkeit. Wenn Sie diese beherzigen, werden Sie in Sharm el-Sheikh nicht nur eine beeindruckende Unterwasserwelt entdecken, sondern auch die herzliche Gastfreundschaft der Menschen erleben. Sie werden nicht als Nummer behandelt, sondern als Freund. Und das ist die beste Voraussetzung für unvergessliche Tage auf und unter dem Wasser.