
Verantwortungsvolle Fotografie: Mein Kodex zum Schutz des Roten Meeres
In über 40 Jahren als Tauchlehrer im Roten Meer habe ich alles gesehen. Doch nichts enttäuscht mich mehr als ein Fotograf, der für ein Bild die Natur zerstört, die er eigentlich bewundert. Ich habe einen Taucher beobachtet, der für eine Weitwinkelaufnahme eine über 100 Jahre alte Hirnkoralle mit seinen Flossen abbrach.
In diesem Moment entschied ich für mich und meine Tauchbasis: Auf meinen Tauchgängen gibt es für Unterwasserfotografen keine Empfehlungen, sondern Regeln. Dieser Kodex ist nicht verhandelbar, denn das Riff hat keine Stimme – also muss ich seine Stimme sein. Wenn Sie mit einer Kamera tauchen, tragen Sie eine besondere Verantwortung. Ich zeige Ihnen, wie Sie dieser gerecht werden.
Ihre Tarierung & Körperhaltung: Die Lizenz zum Fotografieren
Bevor Sie überhaupt über Blende und Belichtungszeit nachdenken, müssen Sie Ihre Tarierung perfekt beherrschen. Eine gute Tarierung ist keine Nebensache, sondern die absolute Grundvoraussetzung für die Unterwasserfotografie. Wer unkontrolliert auf- und absteigt, mit den Flossen Sediment aufwirbelt oder mit den Knien auf dem Riff landet, hat eine Kamera unter Wasser nichts zu suchen.
Aufgewirbelter Sand legt sich auf Korallen und erstickt die Polypen, die für das Überleben des Riffs essenziell sind. Ein unbedachter Flossenschlag kann in Sekunden zerstören, was Jahrzehnte zum Wachsen gebraucht hat.

Ich erwarte von jedem Fotografen auf meinem Boot, dass er schweben kann – ohne Kontakt zum Boden und ohne hektische Bewegungen. Ihr Körper ist Ihr Stativ. Positionieren Sie sich durch präzise Atemkontrolle und feine Flossenbewegungen, statt sich am Riff abzustützen.
Respektvolle Tierinteraktion: Sie sind Gast, nicht Jäger
Die Meeresbewohner des Roten Meeres sind keine Models, die für Sie posieren. Sie sind Wildtiere in ihrem natürlichen Lebensraum, und jede Interaktion mit ihnen muss von Respekt geprägt sein. Das Jagen oder Bedrängen eines Tieres für ein Foto ist absolut inakzeptabel.
Praxisszenario: Mein Eingreifen
Ich erinnere mich an einen Tauchgang am Jackson Reef. Ein Fotograf mit einer großen Kameraanlage lag bäuchlings auf einem Plateau aus Feuerkorallen, um einen Oktopus in seiner Höhle zu fotografieren. Er beschädigte nicht nur die Korallen, sondern stresste das Tier auch massiv. Ich bin sofort zu ihm geschwommen, habe ihn am Arm berührt und ihm unmissverständlich das Signal zum Auftauchen gegeben. An der Oberfläche erklärte ich ihm, dass sein Tauchgang beendet ist. Auf meinem Boot gilt: Der Schutz des Riffs steht über jedem Foto.
Halten Sie sich daher an diese verbindlichen Abstands- und Zeitregeln:
- Mindestabstand bei Weitwinkelaufnahmen: Halten Sie einen Abstand von 0,5 bis 1 Meter zum Motiv. So vermeiden Sie es, mit dem Dome-Port oder den Blitzen das Riff zu berühren.
- Zeitlimit pro Motiv: Verbringen Sie maximal 3 Minuten an einem stationären Motiv wie einem Korallenkopf oder einer Anemone. Geben Sie anderen Tauchern eine Chance – und dem Riff eine Pause.

Blitz & Beleuchtung: Licht ja, Folter nein
Externe Blitze sind für gute Unterwasserfotos unerlässlich. Sie holen die Farben zurück, die das Wasser schluckt. Doch ihr Einsatz erfordert Feingefühl und das Wissen um die Auswirkungen auf die Meeresbewohner. Ein Dauerfeuer aus Blitzen kann empfindliche Tiere wie Seepferdchen oder Fische blenden, desorientieren und extremem Stress aussetzen.
Ich habe Fotografen gesehen, die einen Schaukelfisch so lange angeblitzt haben, bis er völlig panisch die schützende Gorgonie verlassen hat und ins Freiwasser geflüchtet ist – ein sicheres Todesurteil. So etwas dulde ich nicht. Deshalb gilt bei mir eine klare Obergrenze für den Blitzeinsatz.
- Maximale Blitzwiederholrate: Richten Sie maximal 5 Blitze auf ein einzelnes Tier. Gelingt das Bild nicht, haben Sie Pech gehabt. Ziehen Sie weiter und geben Sie dem Tier seine Ruhe zurück. Es ist keine Maschine.

Meine Regeln, Ihre Pflicht: Der Verhaltenskodex auf meinem Tauchboot
Auf meinem Boot, der Blue Hole, und bei jedem Tauchgang unter meiner Führung gilt dieser Verhaltenskodex als Gesetz. Verstöße führen zum sofortigen Tauchverbot. Diese Regeln schützen nicht nur das Riff, sondern auch die Sicherheit und das Erlebnis der gesamten Gruppe.
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Perfekte Tarierung ist Pflicht: Wer den Boden berührt, erhält eine Verwarnung. Beim zweiten Mal ist der Tauchgang beendet.
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Nichts anfassen, nichts verändern: Sie dürfen unter Wasser nichts berühren, aufheben oder die Position von Tieren oder Objekten verändern. Ich musste schon Taucher stoppen, die einen Kugelfisch aufpusten wollten, um ein „lustiges“ Foto zu machen. Das ist Tierquälerei.
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Abstand halten: Nähern Sie sich Tieren langsam und niemals von vorne. Blockieren Sie niemals den Fluchtweg eines Tieres.
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Blitz-Limit einhalten: Maximal 5 Blitze pro Tier, danach ist das Motiv für Sie tabu.
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Der Guide hat das letzte Wort: Wenn ich oder einer meiner Guides Sie anweist, sich von einem Motiv zu entfernen, befolgen Sie diese Anweisung sofort und ohne Diskussion. Wir erkennen Stresssignale bei Tieren oft früher als Sie.

Das beste Foto ist das, welches das Riff für morgen erhält
Unterwasserfotografie ist ein wunderschönes Hobby. Sie kann uns die Augen für die Zerbrechlichkeit und Schönheit der Meere öffnen. Aber ein gutes Foto rechtfertigt niemals die Zerstörung seines Motivs.
Das Rote Meer hat mir und meiner Familie über Jahrzehnte ein Leben ermöglicht. Ich sehe es als meine persönliche Pflicht an, es für meinen Sohn Samir und zukünftige Generationen zu erhalten.
Wenn Sie das nächste Mal mit Ihrer Kamera abtauchen, fragen Sie sich nicht nur: „Wie mache ich ein gutes Bild?“, sondern vor allem: „Wie mache ich ein Bild, ohne Spuren zu hinterlassen?“. Das ist der einzige Weg, ein wahrhaft guter Unterwasserfotograf zu sein.
